1. Offener Brief zur Darstellung der Tätigkeit von Betriebsräten in der Öffentlichkeit

27. August 2009

An die Redakteurinnen und Redakteure,
An die Chefredakteurinnen und Chefredakteure,

Sehr geehrte Damen und Herren,

seit einiger Zeit beobachten wir als unabhängige Institution, die sich auch für die Belange betrieblicher Interessenvertretungen einsetzt, dass anlässlich von Firmenpleiten und Kurzarbeit in den Medien häufig die Vokabeln „Betriebsratschef/-in“ bzw. „Personalratschef/-in“ zu hören und zu lesen sind, wenn von Interessenvertreter/-innen die Rede ist. Dabei gibt es in einer betrieblichen Interessenvertretung gar keine/-n Chef/-in, sondern lediglich Vorsitzende, die in ihrer Funktion als Sprecher/-innen das Gremium in dessen Beschlüssen nach außen vertreten.

Es mag auf den ersten Blick kleinkariert wirken, sich über eine solch terminologische Nichtigkeit zu echauffieren. Bei genauerer Betrachtung fällt aber auf, dass die vermeintliche sprachliche Bagatelle schwer ins Gewicht fällt. Unreflektiert werden durch die Verwendung des Begriffs „Chef/-in“ hierarchische Strukturen auf das Feld betrieblicher Interessenvertretung übertragen, das grundsätzlich demokratisch verfasst ist (nicht zuletzt ist ihre Tätigkeit durch ein Betriebsverfassungsgesetz legitimiert). Durch die diskursive Verschiebung können sich auf mehr Machtbefugnis drängende Interessenvertreter/-innen in ihrem Anliegen bestärkt und legitimiert sehen. Außerdem begrüßen Arbeitgeber in aller Regel eine/-n vermeintliche/-n Chef/-in als Verhandlungspartner/-in, steigen damit doch die Chancen auf Disziplin im Lager gegenüber. Die sprachliche Verschiebung kann also mitunter handfeste Konsequenzen nach sich ziehen.

Vielleicht haben auch Sie sich schon der Termini bedient und damit dazu beigetragen, dass die Begriffe „Betriebratschef/-in“ und „Personalratschef/-in“ in deutschen Medien mittlerweile gängige Vokabeln sind. Das beschädigt das Ehrenamt der betrieblichen Interessenvertretung und der Unternehmensmitbestimmung: Die Begriffe helfen (mehr) Mitbestimmung und damit mehr Demokratie in Betrieb und Dienststelle zu verhindern.

Mitglieder in betrieblichen Interessenvertretungsgremien haben es ohnehin schwer zu den regelmäßigen Wahlen (Betriebsratswahlen finden wieder vom 01.03.-31.05.2010 statt) Kandidat-/innen zu finden. Dazu trägt bei, dass in der Öffentlichkeit über dieses betriebliche Ehrenamt ganz selten berichtet wird und Kandidat-/innen nach der Medienschau den Eindruck gewinnen können, sich in hierarchischen Strukturen wieder zu finden, die mit dem demokratischen Anspruch des Ehrenamtes nichts mehr gemein haben.

Und übrigens: In Frankreich heißen „Betriebsratschefs“ etwa sécretaire de comité oder in Großbritannien chairman/-woman of the works council oder auch shop chairman/-woman.

Wir werben deshalb um eine korrekte, d h. auch sprachlich exakte Darstellung und um eine Unterstützung des betrieblichen Ehrenamtes durch eine sachgemäße Berichterstattung gerade im Hinblick auf die Vorbereitung der Wahlen. Das Ehrenamt ist gesellschaftspolitisch so wichtig, dass es mehr publizistische Aufmerksamkeit verdient hat.

Mehr unter Ein Betriebs-/Personalrat hat keine/-n Chef/-in – Basta!

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Mit freundlichen Grüßen


Manfred Horn

 

 

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